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Freitag

Offenes Rennen bei der NRW-Landtagswahl

Düsseldorf (dpa) - Hochspannung vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Die seit 2010 in Düsseldorf regierende rot-grüne Koalition von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) muss am Sonntag ihre Abwahl befürchten. In Meinungsumfragen hat Rot-Grün schon seit langem keine Mehrheit mehr.

Auch die Position der Sozialdemokraten als stärkste Partei im bevölkerungsreichsten Bundesland ist gefährdet. In jüngsten Umfragen lieferten sich SPD und CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Armin Laschet ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Eine Niederlage wäre für die SPD und ihren aus Nordrhein-Westfalen stammenden Kanzlerkandidaten Martin Schulz ein weiterer schwerer Rückschlag auf dem Weg zum erhofften Machtwechsel in Berlin. Schon die CDU-Siege bei den Landtagswahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein hatten der von Schulz ausgelösten Euphorie in der SPD deutliche Dämpfer versetzt.

Die letzten Umfragen vom Donnerstag und Freitag sehen die SPD mit 30 bis 32,5 Prozent entweder nur knapp vor oder sogar hinter der CDU mit Spitzenkandidat Armin Laschet, die 31 bis 32 Prozent erreicht. Da die Grünen in den Umfragen nicht über 7 Prozent hinauskommen, hätte die rot-grüne Koalition keine Aussicht auf ein Fortbestehen. Viele Wahlberechtigte sind aber noch unentschlossen. Laut ZDF-Politbarometer wissen 35 Prozent noch nicht sicher, wen oder ob sie wählen wollen.

Ministerpräsidentin Kraft will sich von den schwachen Umfragewerten für ihre Partei nicht entmutigen lassen. «Ich glaube keinen Umfragen mehr», sagte sie im ZDF-«Morgenmagazin». Wenn man sehe, was Umfragen sagten und was Wahlergebnisse, dann gebe es da keine Sicherheit mehr. Bei der letzten Kundgebung der SPD in Duisburg sagte Kraft: «Wir kämpfen bis zur letzten Minute.» Schulz, der im Wahlkampf rund 30 Auftritte in NRW hatte, zeigte sich zuversichtlich. Kraft werde am Sonntag «wiedergewählt als Ministerpräsidentin dieses Landes», sagte er in Duisburg.

Die rund 13,1 Millionen Wahlberechtigten - so viele wie in keinem anderen Bundesland - können sich zwischen 31 Parteien entscheiden, die mit Landeslisten antreten. Erstmals in der Geschichte Nordrhein-Westfalens könnten dem Parlament sechs Parteien angehören. Neben SPD, CDU, Grünen und FDP haben den Umfragen zufolge auch Linke und AfD Chancen auf den Einzug in den Landtag. Die Piraten dürften mit der NRW-Wahl aus dem letzten Landesparlament ausscheiden.

Die Koalitionsfrage war bis zum Schluss Thema des Wahlkampfes. Kraft möchte die rot-grüne Koalition fortsetzen, einer Regierung unter Beteiligung der Linken hat sie eine klare Absage erteilt. Die Grünen lehnen eine «Jamaika-Koalition» mit CDU und FDP ab. Die FDP will laut Parteitagsbeschluss «unter keinen Umständen» über eine sogenannte Ampel-Koalition mit SPD und Grünen verhandeln. Nach den Wahlkampf-Äußerungen, wer mit wem auf keinen Fall regieren möchte, bliebe demnach nur eine große Koalition.

CDU und FDP warnte vor einer Hängepartie bei der Regierungsbildung nach der Landtagswahl. Auf keinen Fall dürften Verhandlungen bis über die Bundestagswahl im September hinausgezögert werden, forderten Laschet und FDP-Chef Christian Lindner. «Wenn kein anderes Bündnis möglich ist, müssen Union und SPD noch vor der Bundestagswahl eine große Koalition bilden», sagte Lindner der Deutschen Presse-Agentur.

Die CDU beendet ihren Wahlkampf am Samstag in Laschets Heimatstadt Aachen. Dann ist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel noch einmal mit dabei. Beim Wahlkampfabschluss der Linken am Freitag in Düsseldorf sagte Bundestagsfraktionschefin Sahra Wagenknecht zur Absage Krafts an eine Koalition mit der Linken: «Für ein «Weiter so» hätten wir sowieso nicht zur Verfügung gestanden».

Vor fünf Jahren war die SPD mit 39,1 Prozent klar stärkste Partei geworden, die CDU hatte mit 26,3 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen erzielt. Die Grünen waren auf 11,3 Prozent gekommen, die FDP auf 8,6 Prozent. Die Piraten schafften mit 7,8 Prozent als fünfte Partei den Sprung in den Landtag.

Donnerstag

Kraft kämpft mit Absage an Linke um Unentschlossene in NRW

Düsseldorf (dpa/lnw) - Vier Tage vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wollen SPD und Grüne mit Klarstellungen zu möglichen Koalitionen ihre Wähler überzeugen.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) sagte im Sender WDR 5: «Mit mir als Ministerpräsidentin, das sage ich klar, wird es keine Regierung mit Beteiligung der Linken geben.»

Rückendeckung bekam die SPD-Landeschefin von Kanzlerkandidat Martin Schulz. «Hannelore Kraft hat heute morgen klar gemacht, dass ganz bestimmte Parteiprogramme miteinander nicht vereinbar sind», sagte er in Düsseldorf. Die SPD-Spitzenkandidatin habe dies allerdings bereits mehrfach betont.

Ihr Herausforderer Armin Laschet (CDU) hatte Kraft im Wahlkampf wiederholt vorgeworfen, sich mit ihrer bisherigen Position zur Linkspartei eine Hintertür offen zu halten und die Bürger im Unklaren zu lassen, welche Regierung sie nach der Wahl am 14. Mai bekommen. Kraft hat auf die Frage nach Rot-Rot-Grün seit Jahren geantwortet: «Ich halte die Linke für nicht regierungs- und nicht koalitionsfähig.»

Jetzt bekräftigte sie: «Die Linke bleibt bei ihren unrealistischen, unbezahlbaren Forderungen - ich nenne das immer Wolkenkuckucksheim.» Die Linkspartei wolle sich weder an die Schuldenbremse noch an die Verfassung halten. «Damit ist keine seriöse Politik möglich.»

Die Spitzenkandidatin der Linken Özlem Demirel kommentierte Krafts Absage an Rot-Rot-Grün in einer Mitteilung mit den Worten: «Sie knickt vor einer Kampagne der CDU ein, die vor «Alarmstufe Doppelrot» warnt.» Dies zeige, wie mutlos Kraft agiere. «Echter Politikwechsel geht nur mit der Linken.»

Auch die Grünen, deren Wiedereinzug in den Düsseldorfer Landtag bei Umfragewerten um 7 Prozent kein Selbstläufer wird, treten im Endspurt Zweifeln entgegen, ob ihr Parteitagsbeschluss gegen eine Jamaika-Koalition vom vergangenen Sonntag nicht doch Möglichkeiten für ein Bündnis mit CDU und FDP offen lässt. Ihre Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann versicherte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf: «Unser Beschluss ist eindeutig: Jamaika ist keine Option für Nordrhein-Westfalen.»

Die Grünen, die ebenso wie die SPD für eine Neuauflage des seit 2010 regierenden rot-grünen Bündnisses werben, pochen in den letzten Tagen vor der Wahl dennoch deutlich auf die Unterschiede zu ihrem großen Wunschpartner. «Die SPD ist offenbar schon auf dem Weg in die große Koalition», kritisierte Löhrmann. «Wer Politik für Umwelt, Gerechtigkeit und Weltoffenheit will, kann ab jetzt nur noch Grün wählen.»

Nachdem die Grünen eine Jamaika-Koalition und die FDP eine Ampel per Parteitagsbeschluss ausgeschlossen haben, niemand mit der AfD zusammenarbeiten will und alle Umfragen eine Aufteilung der Sitze auf ein Sechs-Parteien-Parlament prognostizieren, erscheint derzeit die große Koalition als einzig realistische Option.

Laut jüngster Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA für die «Bild»-Zeitung haben sich die Werte für SPD und CDU angenähert. Im aktuellen NRW-Trend erreicht die SPD 33 Prozent, die CDU kommt auf 30 Prozent. Im Vergleich zur April-Umfrage des INSA-Instituts ist der Vorsprung der SPD vor der CDU von 9 auf 3 Prozentpunkte gesunken. Grüne und AfD kommen demnach jeweils auf 7 Prozent, die FDP auf 13 und die Linke auf 5 Prozent.

Freitag

Umfrage: Große Koalition in NRW wahrscheinlich

Düsseldorf (dpa) - Gut eine Woche vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen liegen SPD und CDU im ZDF-«Politbarometer» gleichauf. Die politisch wahrscheinlichste Koalitionsvariante ist nach der Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen eine große Koalition.

Unklar ist aber, ob Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ihr Amt behalten kann oder ihr CDU-Herausforderer Armin Laschet übernimmt. Eine Fortsetzung von Krafts rot-grüner Regierung ist derzeit rechnerisch ausgeschlossen.

Wenn schon am nächsten Sonntag gewählt würde, ergäben sich folgende Projektionswerte: SPD und CDU kämen zurzeit jeweils auf 32 Prozent, die Grünen könnten mit 7,5 Prozent rechnen, die FDP mit 12, Linke und AfD würden derzeit jeweils 6 Prozent erreichen.

Damit hätte ein rot-rot-grünes Bündnis in Düsseldorf keine Mehrheit. Rechnerisch in Betracht kämen zwar auch eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP oder eine sogenannte Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP - die eine hat aber FDP-Chef Christian Lindner ausgeschlossen, die andere haben die Grünen ausgeschlossen.

Bei der Bewertung verschiedener Bündnismodelle ist eine große Koalition auch die einzige, die von den Wählern mehr Zustimmung (45 Prozent) als Ablehnung (32 Prozent) bekommt. Alle anderen Bündnisse werden jeweils von einer Mehrheit der Befragten abgelehnt.

Die Forschungsgruppe verweist aber darauf, dass es sich lediglich um ein Stimmungsbild und keine Aussage über den Wahlausgang handele. 41 Prozent der 1032 Befragten seien noch unsicher, ob sie wählen und wen. Unter Berücksichtigung der statistischen Fehlerbereiche sei bei diesen Werten insbesondere unklar, ob Linke und AfD den Sprung in den Landtag wirklich schafften.

Im direkten Vergleich der beiden Hauptkontrahenten liegt Kraft weiterhin weit vor Laschet. Allerdings sind Krafts Zustimmungswerte seit dem letzten NRW-«Politbarometer» von Februar auf 51 Prozent (Februar: 55) gesunken, während Laschet auf 33 Prozent (29) zugelegt hat.

Bei den aktuell wichtigsten Problemen in NRW wird am häufigsten das Thema Schule und Bildung genannt (34 Prozent) - bei dem SPD und CDU etwa gleich viel Kompetenz zugemessen wird (30 und 29 Prozent), den Grünen mit ihrer Spitzenkandidatin, Schulministerin Sylvia Löhrmann, aber nur sehr wenig (6).

Danach folgen als weitere wichtige Themen Flüchtlinge und Asyl (24 Prozent), Verkehr (19 Prozent), Arbeitsplätze (15 Prozent) und Kriminalität (14 Prozent). Bei den Themen Arbeitsplätze und Wirtschaft wird jeweils die Kompetenz der CDU leicht höher bewertet als die der SPD (32 zu 29 und 32 zu 27). Bei einem weiteren abgefragten Thema, der sozialen Gerechtigkeit, liegt dagegen die SPD weit vor der Union (42 zu 20).

Dienstag

Schulz' Traum und Merkels Mängelliste

Essen/Hamm/Münster (dpa) - «I've got the power - ich habe die Macht» - zu den Gladiatoren-Beats der Pop-Hymne schreitet ein strahlendes SPD-Triumvirat in die altehrwürdige Zeche Zollverein. Nordrhein-Westfalens SPD läutet in wuchtiger Industriekulisse den Schlussspurt zur Landtagswahl ein.

Alle sind zur Spitzenkandidatin Hannelore Kraft nach Essen gekommen: Kanzlerkandidat Martin Schulz, Außenminister und Ex-Parteichef Sigmar Gabriel, die Regierungschefs von Rheinland-Pfalz und Hamburg, Malu Dreyer und Olaf Scholz, und Bundestagsfraktionschef Thomas Oppermann. Die Botschaft: Gemeinsam gewinnen wir - erst am 14. Mai in NRW, dann am 24. September im Bund.

Allerdings ist die SPD bei weitem nicht die Einzige, die an diesem Wochenende Beschwörungsformeln wie: «Wir werden die Wahl gewinnen!» unters Volk bringt. Bereits am Samstag rührt Krafts Herausforderer Armin Laschet die Trommel. Er braucht dafür nur Eine: Angela Merkel.

Beim CDU-Parteitag in Münster feuert die gelöst wirkende Kanzlerin die Wahlkämpfer an: «Rot-Grün muss abgelöst werden!» Merkel macht eine lange Rechnung des Versagens von SPD und Grünen in NRW auf: Innere Sicherheit, Bildung, Forschung, Verkehr, kommunale Finanzen, Digitalisierung - in vielen Bereichen hätten andere Bundesländer die Nase vorn.

Kraft - wie interessanterweise auch Merkel in Knallrot gekleidet - verzichtet am Tag danach weitgehend darauf, sich an der politischen Konkurrenz abzuarbeiten. Sie stellt dagegen lieber Kernpunkte ihres Regierungsprogramms für die nächste Wahlperiode in den Vordergrund - vor allem in der Sozial- und Bildungspolitik.

Eine Spitze sendet sie aber doch zur CDU: Die rede das Land schlecht und schrecke dabei vor Tricks und veralteten Zahlen nicht zurück. Und dafür lasse sich sogar die Kanzlerin instrumentalisieren. «Jedes Kinkerlitzchen wird zum Skandal hochgejazzt», schimpft die 55-Jährige, die auch ihr Kabinett und Ehemann Udo mitgebracht hat.

Die ganz großen Gehässigkeiten bleiben aber auf allen Seiten aus. Schließlich könnten die Wähler sowohl im Land als auch im Bund am Ende durchaus die ungeliebte große Koalition erzwingen. In NRW ist das den Umfragen zufolge derzeit die einzige rechnerisch machbare und realistische Option. In ihren Reden sprechen die Granden von CDU und SPD an diesem Wahlkampfwochenende lieber nicht von Koalitionen.

Das macht dafür die FDP, die am Sonntag ebenfalls ihre Duftmarken setzt. In Hamm schließt sie eine Ampelkoalition mit SPD und Grünen in NRW sogar per Parteitagsbeschluss aus.

In seiner Rede schießt sich Parteichef Christian Lindner vor allem auf die Grünen ein: «Die kümmern sich um Tofu-Bratwürste mehr als um die Qualität der Bildung in Nordrhein-Westfalen», feixt er vor seinen Parteifreunden. Der 38-Jährige setzt aber auch Spitzen gegen Kraft und Laschet. Lindner will Fehler der Vergangenheit vermeiden und die FDP nicht als Mehrheitsbeschafferin, sondern als liberale Größe ohne Koalitionsaussage in den Endspurt schicken.

«Wovon sollen wir träumen?» fragt Martin Schulz seine Genossen kurz nachdem Sängerin Frida Gold ihren gleichnamigen Ohrwurm auf der Wahlkampfbühne zum Besten gegeben hat. Die große Koalition ist es sicher nicht. Schulz verrät seinen Traum: «Am 14. Mai nach 18 Uhr geht der Balken nach oben und Hannelore Kraft bleibt mit der SPD die stärkste Kraft in diesem Land», schwelgt der 61-Jährige. «Dann heißt es auch, die SPD wird die stärkste Partei Deutschlands, und ich werde Bundeskanzler.»

Die Meinungsforscher sehen die SPD in NRW derzeit bei bis zu 40 Prozent, die CDU mit etwa 30 Prozent deutlich dahinter. Allerdings geben weder Kraft noch Laschet etwas auf solche «Wasserstände», die sich oft genug als unhaltbar erwiesen haben - wie zuletzt bei der Saar-Wahl.

Anders als Linken-Politiker Oskar Lafontaine und Altkanzler Gerhard Schröder, die über die Medien schon mal das Klima für Rot-Rot im Bund vergiften, sind in NRW noch viele Türen offen - auch für eine sozialliberale Koalition. Schulz verspricht, die SPD werde keinen Mitbewerber verleumden, beleidigen, herabwürdigen oder vorsätzlich Falschnachrichten setzen.