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Freitag

Offenes Rennen bei der NRW-Landtagswahl

Düsseldorf (dpa) - Hochspannung vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Die seit 2010 in Düsseldorf regierende rot-grüne Koalition von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) muss am Sonntag ihre Abwahl befürchten. In Meinungsumfragen hat Rot-Grün schon seit langem keine Mehrheit mehr.

Auch die Position der Sozialdemokraten als stärkste Partei im bevölkerungsreichsten Bundesland ist gefährdet. In jüngsten Umfragen lieferten sich SPD und CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Armin Laschet ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Eine Niederlage wäre für die SPD und ihren aus Nordrhein-Westfalen stammenden Kanzlerkandidaten Martin Schulz ein weiterer schwerer Rückschlag auf dem Weg zum erhofften Machtwechsel in Berlin. Schon die CDU-Siege bei den Landtagswahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein hatten der von Schulz ausgelösten Euphorie in der SPD deutliche Dämpfer versetzt.

Die letzten Umfragen vom Donnerstag und Freitag sehen die SPD mit 30 bis 32,5 Prozent entweder nur knapp vor oder sogar hinter der CDU mit Spitzenkandidat Armin Laschet, die 31 bis 32 Prozent erreicht. Da die Grünen in den Umfragen nicht über 7 Prozent hinauskommen, hätte die rot-grüne Koalition keine Aussicht auf ein Fortbestehen. Viele Wahlberechtigte sind aber noch unentschlossen. Laut ZDF-Politbarometer wissen 35 Prozent noch nicht sicher, wen oder ob sie wählen wollen.

Ministerpräsidentin Kraft will sich von den schwachen Umfragewerten für ihre Partei nicht entmutigen lassen. «Ich glaube keinen Umfragen mehr», sagte sie im ZDF-«Morgenmagazin». Wenn man sehe, was Umfragen sagten und was Wahlergebnisse, dann gebe es da keine Sicherheit mehr. Bei der letzten Kundgebung der SPD in Duisburg sagte Kraft: «Wir kämpfen bis zur letzten Minute.» Schulz, der im Wahlkampf rund 30 Auftritte in NRW hatte, zeigte sich zuversichtlich. Kraft werde am Sonntag «wiedergewählt als Ministerpräsidentin dieses Landes», sagte er in Duisburg.

Die rund 13,1 Millionen Wahlberechtigten - so viele wie in keinem anderen Bundesland - können sich zwischen 31 Parteien entscheiden, die mit Landeslisten antreten. Erstmals in der Geschichte Nordrhein-Westfalens könnten dem Parlament sechs Parteien angehören. Neben SPD, CDU, Grünen und FDP haben den Umfragen zufolge auch Linke und AfD Chancen auf den Einzug in den Landtag. Die Piraten dürften mit der NRW-Wahl aus dem letzten Landesparlament ausscheiden.

Die Koalitionsfrage war bis zum Schluss Thema des Wahlkampfes. Kraft möchte die rot-grüne Koalition fortsetzen, einer Regierung unter Beteiligung der Linken hat sie eine klare Absage erteilt. Die Grünen lehnen eine «Jamaika-Koalition» mit CDU und FDP ab. Die FDP will laut Parteitagsbeschluss «unter keinen Umständen» über eine sogenannte Ampel-Koalition mit SPD und Grünen verhandeln. Nach den Wahlkampf-Äußerungen, wer mit wem auf keinen Fall regieren möchte, bliebe demnach nur eine große Koalition.

CDU und FDP warnte vor einer Hängepartie bei der Regierungsbildung nach der Landtagswahl. Auf keinen Fall dürften Verhandlungen bis über die Bundestagswahl im September hinausgezögert werden, forderten Laschet und FDP-Chef Christian Lindner. «Wenn kein anderes Bündnis möglich ist, müssen Union und SPD noch vor der Bundestagswahl eine große Koalition bilden», sagte Lindner der Deutschen Presse-Agentur.

Die CDU beendet ihren Wahlkampf am Samstag in Laschets Heimatstadt Aachen. Dann ist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel noch einmal mit dabei. Beim Wahlkampfabschluss der Linken am Freitag in Düsseldorf sagte Bundestagsfraktionschefin Sahra Wagenknecht zur Absage Krafts an eine Koalition mit der Linken: «Für ein «Weiter so» hätten wir sowieso nicht zur Verfügung gestanden».

Vor fünf Jahren war die SPD mit 39,1 Prozent klar stärkste Partei geworden, die CDU hatte mit 26,3 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen erzielt. Die Grünen waren auf 11,3 Prozent gekommen, die FDP auf 8,6 Prozent. Die Piraten schafften mit 7,8 Prozent als fünfte Partei den Sprung in den Landtag.

Sonntag

Höhere Wahlbeteiligung in Schleswig-Holstein als 2012

Kiel (dpa) - Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein zeichnet sich eine höhere Wahlbeteiligung ab als vor fünf Jahren. Bis 14 Uhr gaben 42,51 Prozent der gut 2,3 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme ab, wie der Landeswahlleiter am Sonntagnachmittag mitteilte.

2012 hatte die Beteiligung zu diesem Zeitpunkt bei 37,7 Prozent gelegen, 2009 bei 48,6. Bei der Wahl muss die seit 2012 regierende Koalition aus SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverband SSW um ihre Wiederwahl bangen. Die letzten Umfragen sahen die CDU knapp vor der SPD und keine Mehrheit für die bisherige Küstenkoalition.

Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) zeigte sich am Sonntagmittag in Kiel bei der Stimmabgabe optimistisch. Er kam in Begleitung seiner Lebensgefährtin ins Wahllokal. «Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir gewinnen, weil alle Umfragen bei den letzten Landtagswahlen immer falsch waren - und zwar frappierend falsch», sagte Albig mit Blick auf die Umfragen. Dem Ausgang der Wahl schaue er deshalb mit «großer Gelassenheit, mit Fröhlichkeit, mit Demut» entgegen.

Zuvor hatte bereits CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther abgestimmt. Er kam mit Ehefrau Anke in Eckernförde ins Wahllokal. Er sagte danach im Sender RSH, er sei absolut optimistisch, aber ein bisschen Anspannung sei immer dabei. Der Wahlkreis 8, in dem er antritt, ist hart umkämpft. Bei der Landtagswahl 2012 hatte Günther seine SPD-Konkurrentin, Fraktionsvize Serpil Midyatli, nur knapp geschlagen.

Auch FDP-Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki tritt in dem Wahlkreis an. Er zeigte sich bei der Stimmabgabe ebenfalls zuversichtlich. Die Liberalen wollen bei der Wahl am Sonntag mit einem zweistelligen Ergebnis vor den Grünen drittstärkste Partei werden.

In diesem Jahr dürfen im Norden erstmals auch 16-Jährige den Landtag in Kiel wählen. Bereits bis 11.00 Uhr hatten 21,55 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt lag wie dann auch am Nachmittag die Beteiligung bereits höher als 2012 (17,7 Prozent).

Freitag

Umfrage: Große Koalition in NRW wahrscheinlich

Düsseldorf (dpa) - Gut eine Woche vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen liegen SPD und CDU im ZDF-«Politbarometer» gleichauf. Die politisch wahrscheinlichste Koalitionsvariante ist nach der Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen eine große Koalition.

Unklar ist aber, ob Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ihr Amt behalten kann oder ihr CDU-Herausforderer Armin Laschet übernimmt. Eine Fortsetzung von Krafts rot-grüner Regierung ist derzeit rechnerisch ausgeschlossen.

Wenn schon am nächsten Sonntag gewählt würde, ergäben sich folgende Projektionswerte: SPD und CDU kämen zurzeit jeweils auf 32 Prozent, die Grünen könnten mit 7,5 Prozent rechnen, die FDP mit 12, Linke und AfD würden derzeit jeweils 6 Prozent erreichen.

Damit hätte ein rot-rot-grünes Bündnis in Düsseldorf keine Mehrheit. Rechnerisch in Betracht kämen zwar auch eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP oder eine sogenannte Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP - die eine hat aber FDP-Chef Christian Lindner ausgeschlossen, die andere haben die Grünen ausgeschlossen.

Bei der Bewertung verschiedener Bündnismodelle ist eine große Koalition auch die einzige, die von den Wählern mehr Zustimmung (45 Prozent) als Ablehnung (32 Prozent) bekommt. Alle anderen Bündnisse werden jeweils von einer Mehrheit der Befragten abgelehnt.

Die Forschungsgruppe verweist aber darauf, dass es sich lediglich um ein Stimmungsbild und keine Aussage über den Wahlausgang handele. 41 Prozent der 1032 Befragten seien noch unsicher, ob sie wählen und wen. Unter Berücksichtigung der statistischen Fehlerbereiche sei bei diesen Werten insbesondere unklar, ob Linke und AfD den Sprung in den Landtag wirklich schafften.

Im direkten Vergleich der beiden Hauptkontrahenten liegt Kraft weiterhin weit vor Laschet. Allerdings sind Krafts Zustimmungswerte seit dem letzten NRW-«Politbarometer» von Februar auf 51 Prozent (Februar: 55) gesunken, während Laschet auf 33 Prozent (29) zugelegt hat.

Bei den aktuell wichtigsten Problemen in NRW wird am häufigsten das Thema Schule und Bildung genannt (34 Prozent) - bei dem SPD und CDU etwa gleich viel Kompetenz zugemessen wird (30 und 29 Prozent), den Grünen mit ihrer Spitzenkandidatin, Schulministerin Sylvia Löhrmann, aber nur sehr wenig (6).

Danach folgen als weitere wichtige Themen Flüchtlinge und Asyl (24 Prozent), Verkehr (19 Prozent), Arbeitsplätze (15 Prozent) und Kriminalität (14 Prozent). Bei den Themen Arbeitsplätze und Wirtschaft wird jeweils die Kompetenz der CDU leicht höher bewertet als die der SPD (32 zu 29 und 32 zu 27). Bei einem weiteren abgefragten Thema, der sozialen Gerechtigkeit, liegt dagegen die SPD weit vor der Union (42 zu 20).

Dienstag

Schulz' Traum und Merkels Mängelliste

Essen/Hamm/Münster (dpa) - «I've got the power - ich habe die Macht» - zu den Gladiatoren-Beats der Pop-Hymne schreitet ein strahlendes SPD-Triumvirat in die altehrwürdige Zeche Zollverein. Nordrhein-Westfalens SPD läutet in wuchtiger Industriekulisse den Schlussspurt zur Landtagswahl ein.

Alle sind zur Spitzenkandidatin Hannelore Kraft nach Essen gekommen: Kanzlerkandidat Martin Schulz, Außenminister und Ex-Parteichef Sigmar Gabriel, die Regierungschefs von Rheinland-Pfalz und Hamburg, Malu Dreyer und Olaf Scholz, und Bundestagsfraktionschef Thomas Oppermann. Die Botschaft: Gemeinsam gewinnen wir - erst am 14. Mai in NRW, dann am 24. September im Bund.

Allerdings ist die SPD bei weitem nicht die Einzige, die an diesem Wochenende Beschwörungsformeln wie: «Wir werden die Wahl gewinnen!» unters Volk bringt. Bereits am Samstag rührt Krafts Herausforderer Armin Laschet die Trommel. Er braucht dafür nur Eine: Angela Merkel.

Beim CDU-Parteitag in Münster feuert die gelöst wirkende Kanzlerin die Wahlkämpfer an: «Rot-Grün muss abgelöst werden!» Merkel macht eine lange Rechnung des Versagens von SPD und Grünen in NRW auf: Innere Sicherheit, Bildung, Forschung, Verkehr, kommunale Finanzen, Digitalisierung - in vielen Bereichen hätten andere Bundesländer die Nase vorn.

Kraft - wie interessanterweise auch Merkel in Knallrot gekleidet - verzichtet am Tag danach weitgehend darauf, sich an der politischen Konkurrenz abzuarbeiten. Sie stellt dagegen lieber Kernpunkte ihres Regierungsprogramms für die nächste Wahlperiode in den Vordergrund - vor allem in der Sozial- und Bildungspolitik.

Eine Spitze sendet sie aber doch zur CDU: Die rede das Land schlecht und schrecke dabei vor Tricks und veralteten Zahlen nicht zurück. Und dafür lasse sich sogar die Kanzlerin instrumentalisieren. «Jedes Kinkerlitzchen wird zum Skandal hochgejazzt», schimpft die 55-Jährige, die auch ihr Kabinett und Ehemann Udo mitgebracht hat.

Die ganz großen Gehässigkeiten bleiben aber auf allen Seiten aus. Schließlich könnten die Wähler sowohl im Land als auch im Bund am Ende durchaus die ungeliebte große Koalition erzwingen. In NRW ist das den Umfragen zufolge derzeit die einzige rechnerisch machbare und realistische Option. In ihren Reden sprechen die Granden von CDU und SPD an diesem Wahlkampfwochenende lieber nicht von Koalitionen.

Das macht dafür die FDP, die am Sonntag ebenfalls ihre Duftmarken setzt. In Hamm schließt sie eine Ampelkoalition mit SPD und Grünen in NRW sogar per Parteitagsbeschluss aus.

In seiner Rede schießt sich Parteichef Christian Lindner vor allem auf die Grünen ein: «Die kümmern sich um Tofu-Bratwürste mehr als um die Qualität der Bildung in Nordrhein-Westfalen», feixt er vor seinen Parteifreunden. Der 38-Jährige setzt aber auch Spitzen gegen Kraft und Laschet. Lindner will Fehler der Vergangenheit vermeiden und die FDP nicht als Mehrheitsbeschafferin, sondern als liberale Größe ohne Koalitionsaussage in den Endspurt schicken.

«Wovon sollen wir träumen?» fragt Martin Schulz seine Genossen kurz nachdem Sängerin Frida Gold ihren gleichnamigen Ohrwurm auf der Wahlkampfbühne zum Besten gegeben hat. Die große Koalition ist es sicher nicht. Schulz verrät seinen Traum: «Am 14. Mai nach 18 Uhr geht der Balken nach oben und Hannelore Kraft bleibt mit der SPD die stärkste Kraft in diesem Land», schwelgt der 61-Jährige. «Dann heißt es auch, die SPD wird die stärkste Partei Deutschlands, und ich werde Bundeskanzler.»

Die Meinungsforscher sehen die SPD in NRW derzeit bei bis zu 40 Prozent, die CDU mit etwa 30 Prozent deutlich dahinter. Allerdings geben weder Kraft noch Laschet etwas auf solche «Wasserstände», die sich oft genug als unhaltbar erwiesen haben - wie zuletzt bei der Saar-Wahl.

Anders als Linken-Politiker Oskar Lafontaine und Altkanzler Gerhard Schröder, die über die Medien schon mal das Klima für Rot-Rot im Bund vergiften, sind in NRW noch viele Türen offen - auch für eine sozialliberale Koalition. Schulz verspricht, die SPD werde keinen Mitbewerber verleumden, beleidigen, herabwürdigen oder vorsätzlich Falschnachrichten setzen.

Ein großes Aufatmen bei der CDU

Berlin (dpa) - Cool bleiben. Und weiterregieren. Gemäß dieser Devise hat Angela Merkel schon bisher auf den Höhenflug der SPD und ihres neuen Hoffnungsträgers Martin Schulz reagiert - manchem Drängen aus den eigenen Reihen zum Trotz, doch mal stärker auf Gegen-Attacke zu schalten.

Da beschert das kleine Saarland der Kanzlerin und Parteichefin zum Auftakt ins Superwahljahr 2017 ein ziemlich großes Aufatmen. Und eine beinahe vergessene Erkenntnis: Die CDU kann es noch, gewinnen bei einer Landtagswahl und dabei sogar zulegen.

Im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin haben sie am Abend wieder zu lachen und zu klatschen. «Ein guter Tag für das Saarland und ein schöner Tag für die CDU», ruft Generalsekretär Peter Tauber ins Foyer. In der Fläche hat die CDU tatsächlich schon länger nicht mehr Kraft tanken können, ganz im Gegenteil. Geradezu deprimierend war die Bilanz 2016 mit bitteren Einbußen in Serie in gleich fünf Ländern. In den Ländern stellt die CDU gerade einmal noch vier von 16 Ministerpräsidenten.

Dass die MP-Riege nun nicht weiter schrumpft, wird in Berlin auch stark der populären und besonnenen Amtsinhaberin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) zugeschrieben. Manche sehen sogar Parallelen zur nüchternen Kanzlerin. Den Spruch, mit dem Merkel für die Saar-Kandidatin «AKK» warb, könnte sie mit Blick auf schwierige internationalen Zeiten auch auf sich selbst münzen: «Am Berg wechselt man die Pferde nicht.»

Dabei gibt es für die Parteivorsitzende durchaus eine zweite Ebene der Betrachtung, wie sie schon vor der Wahl deutlich machte: Den Blick zurück ins vergangene Jahr. Da überschattete ihre umstrittene Flüchtlingspolitik die Wahlen in den Ländern - gelinde gesagt nicht zum Nutzen der Kandidaten vor Ort. Auch wenn Unmut und Frust bei manchen Christdemokraten an der Basis tief sitzen, hat sich die aufgeladene Diskussion doch etwas beruhigt.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass CSU-Chef Horst Seehofer nunmehr sein Dauerfeuer gegen Merkel eingestellt hat, das 2016 bis in die CDU-Landtagswahlkämpfe krachte. Merkel verbucht den im Februar ausgerufenen Frieden mit der Schwesterpartei CSU als entscheidenden Fortschritt - selbst mit dem eingepreisten Dissens um die Obergrenze für die Zahl der Flüchtlinge, auf der Seehofer gegen ihr eisernes Nein beharrt. Doch unionsübergreifende Euphorie wie bei der SPD, die Schulz mit 100 Prozent zum Parteichef krönte? Bisher Fehlanzeige.

Schritt für Schritt zur gegebenen Zeit, so will Merkel Kurs auf die Bundestagswahl am 24. September nehmen. Und übermütig wurden auch führende CDU-Leute am Wahlabend nicht. Bis zum Sommer soll ein gemeinsames Wahlprogramm mit der CSU stehen. Davor kommen im Mai aber noch die Wahlen in den SPD-regierten Ländern Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, in denen die CDU nach jetzigem Stand der Umfragen eher geringe Siegeschancen hat.

Eine direkte Auseinandersetzung mit ihrem Rivalen Schulz hat Merkel bisher vermieden, schon um ihn nicht aufzuwerten. Mit dosierter Eskalation hält sie der SPD rückwärtsgewandtes Abrücken von der Reformagenda 2010 vor - ist das bereits Endstufe Attacke? Seehofer mahnte schon, die Union möge angesichts des Schulz-Hypes besser in Form kommen. Und was ist, wenn der SPD-Höhenflug jenseits der Saar anhält und die CDU in den nächsten Landtagswahlen wieder schwächelt?

Manche in der Union drängelten schon, schneller mehr Dampf auf den Kessel zu bringen. Den bekamen sie aber nicht. Wann die heiße Wahlkampfphase startet? «Noch lange nicht», sagte Merkel schon vor der Wahl. «Wir konzentrieren uns nicht auf Wahlkampf», sagt ihr Kanzleramtschef Peter Altmaier, ein Saarländer, am Abend in die Kameras. Die ja noch amtierende Regierung müsse noch Probleme lösen.

Montag

«Schulz-Zug» gebremst

Berlin (dpa) - An diesem Mittwoch kommt der «Schulz-Zug» schon mal im Kanzleramt an. Beim schwarz-roten Koalitionsausschuss kann sich SPD-Hoffnungsträger Martin Schulz anschauen, wie es so ist im Zentrum der Macht.

Wenn er am Abend mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über Solidarrente und Managergehälter spricht, hat der seit zwei Monaten von einer Euphoriewelle getragene Kanzlerkandidat den ersten Dämpfer freilich gerade hinter sich. Obwohl das Saarland zu klein und zu speziell ist, um aus dem mäßigen SPD-Ergebnis vom Sonntag allzu viel herauszulesen - Auftrieb fürs Superwahljahr sieht anders aus.

Den spürt nun eher Angela Merkel auf ihrem Marathon zur vierten Kanzlerinnen-Wahl. Und sie verdankt das seit Jahren kaum noch gekannte Gefühl eines CDU-Wahlsiegs mit klaren Zugewinnen einer Frau, die ähnlich unaufgeregt-pragmatisch auftritt wie Merkel selbst: der alten und neuen Saar-Ministerpräsidentin Annegret Kamp-Karrenbauer, in vieler Hinsicht eine jüngere Kopie der Kanzlerin. «Seriöses Regieren zahlt sich eben aus», sagen Merkel-Vertraute wie Michael Grosse-Brömer und Peter Altmaier am Wahlabend.

Beide denken dabei auch an den 24. September, wenn Merkel mit Schulz ihren vermutlich bisher stärksten SPD-Herausforderer schlagen will. Die CDU-Chefin hatte sich in den vergangenen Wochen - wie man es von ihr gewohnt ist - vom «Schulz-Hype» ohnehin nicht nervös machen lassen: Durch gutes Regieren sei sie im Dauer-Wahlkampfmodus, so Merkels Mantra - auch wenn andere über ihre Zurückhaltung murrten.

«Es gibt einen emotionalen Klimawandel in der SPD, der hat noch nicht alle außerhalb der SPD erreicht», sagt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte unmittelbar nach den Prognosen. Die zeigen bereits, dass für die SPD die Bäume trotz Schulz nicht in den Himmel wachsen. Rasch verweisen nun Sozialdemokraten - gewiss anders als geplant - darauf, dass es ja «nur» um eine Saar-Wahl ging. 67 Prozent der Menschen war am Sonntag das Land wichtig bei ihrer Entscheidung, nur 28 Prozent die Bundespolitik, heißt es auch von Wahlforschern.

Zudem habe Schulz seine Truppe im Saarland seit der Nominierung Ende Januar von 25 auf rund 30 Prozent hochgezogen, argumentiert Parteivize Ralf Stegner, räumt aber auch ein: «Wir müssen noch eine Schippe drauflegen.» Nächste Wahl-Stationen des «Schulz-Zuges» auf dem Weg zur Bundestagswahl: Schleswig-Holstein am 7. Mai und Nordrhein-Westfalen eine Woche später.

Dann muss der frühere Linksverteidiger von Rhenania Würselen zeigen, dass er nicht nur auf Angriff spielen kann für eine (nun freilich gescheiterte) Regierungsübernahme im Saarland, sondern auch auf Halten des Ergebnisses: In beiden Bundesländern führt die SPD eine Regierung mit den Grünen an, beide Bastionen muss Schulz sichern. Der Fußballfan aus dem Rheinland bleibt im Bild, als er in Berlin vor die Kameras tritt: «Heute Abend hat die andere Seite ganz eindeutig ein Tor erzielt.» Aber ein Gegentor heiße noch nicht, dass das Spiel entschieden sei.

Derweil versucht die CSU - für viele wegen ihres Dauerfeuers gegen Merkel in der Flüchtlingspolitik mitschuldig an der schwierigen Lage der Union -, den Wahlausgang in ihrem Sinne zu deuten. «Der Rutschbahneffekt nach unten ist gestoppt», es sei ein verdienter Erfolg für Kramp-Karrenbauer, sagt der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer. «Der Wahlausgang zeigt auch, dass es die richtige Strategie ist, sich klar zur Kanzlerin zu bekennen.» In der Tat hatte der bayerische Ministerpräsident in den vergangenen Wochen seinen Groll über Merkel nicht mehr öffentlich gezeigt.

Für die Bundestags-Opposition Linke und Grüne bietet der Abend nach der Saar-Wahl allenfalls durchwachsene Perspektiven. Die Linkspartei weiß, dass ihr klar zweistelliges Ergebnis durch einen Spezialeffekt begünstigt wurde - der ehemalige SPD- und Linke-Chef Oskar Lafontaine hat beim Heimspiel wieder einmal gezogen. Für die Grünen war es an der Saar schon immer schwer, aber auch bundesweit liegt die Partei mit dem nicht unumstrittenen Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir derzeit deutlich unter ihren Möglichkeiten. Die beiden grünen Vize-Regierungschefs Robert Habeck und Sylvia Löhrmann sollen es nun in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen reißen.

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hatte zwar im Saarland «auf ein kleines politisches Wunder gehofft», hakt die Wahl mit einem Ergebnis von gut drei Prozent aber schnell ab. Sein Parteivize Wolfgang Kubicki im Norden und er selbst an Rhein und Ruhr sind im Vergleich zum chancenlosen Oliver Luksic politische Schwergewichte, die den Liberalen Schub für eine Rückkehr in den Bundestag geben könnten.

Und die AfD, die voriges Jahr durch die Flüchtlingskrise noch triumphal in alle Parlamente gewählt wurde? Zwar gelingt den Rechtspopulisten der Einzug in den Saar-Landtag, aber nur mit rund sechs Prozent. Parteichefin Frauke Petry tröstet sich über die Ernüchterung schnell mit Schadenfreude hinweg: Die SPD habe erkennen müssen, dass der «Schulz-Effekt» nicht ziehe.